Als kleines Kind lernte «Austin» in einem religiösen Kontext viel auswendig. Ab dem Alter von sieben Jahren besuchte er die Primarschule in seinem Herkunftsland. Gemeinsam mit vielen Kindern in grossen Klassen lernte er dort in zwei Landessprachen lesen und schreiben. Ab der vierten Klasse kamen Arabisch und Englisch dazu. Bis zur sechsten Klasse wurde «Austin» in der Primarschule in allen relevanten Fächern unterrichtet. Ergänzend besuchte er weiterhin einen Unterricht im religiösen Kontext. «Austin» ging nicht gerne zur Schule. Dies lag an der fehlenden Motivation durch die Lehrpersonen, der Grösse der Klasse und seinem familiären Kontext, in welchem Bildung nicht als besonders wichtig erachtet wurde.
Nach Abschluss der Primarschule begann «Austin» zuerst eine Ausbildung in einem technischen Beruf. Er brach diese jedoch nach wenigen Monaten wieder ab und begann eine Anlehre als Schneider. Er erlernte diesen Beruf fast zwei Jahre lang und galt bereits als weit fortgeschritten. Zu jenem Zeitpunkt sah «Austin» aufgrund der Sicherheitssituation im Herkunftsland keine Perspektive mehr. Er entschied sich deshalb zur Flucht. Aufgrund seines noch jungen Alters beschloss sein älterer Bruder, ihn zu begleiten.
An der europäischen Aussengrenze verloren sich die Brüder aus den Augen und «Austin» reiste alleine weiter. Auf der Flucht entdeckte «Austin» türkische Fernsehserien für sich. Dank diesem Interesse lernte er relativ gut Türkisch und pflegt diese Sprache bis heute.
Im Jahr 2015 erreichte «Austin» die Schweiz und wurde als mittlerweile 17-Jähriger während kurzer Zeit in einem Empfangs- und Verfahrenszentrum des Bundes untergebracht. In dieser Zeit gab es weder einen Sprachkurs noch sonstige Bildungsangebote. Auch nachdem er in einer grossen Stadt untergebracht worden war, hatte er während rund zehn Monaten keinen Unterricht. Während rund drei Monaten konnte er in einem Freiwilligenprojekt spielerisch etwas die Sprache lernen, aber in ein formelles Bildungsangebot wurde «Austin» erst im September aufgenommen. Diese lange Wartezeit wurde, vor dem Hintergrund der Flüchtlingsschutzkrise von 2015, mit fehlenden Plätzen begründet.
In der Schweiz nahm «Austin» eine Einzelsportart auf und war dabei sehr erfolgreich. Auf nationaler Ebene war er einer der besten seiner Altersklasse. Er konnte an einigen Turnieren im europäischen Ausland teilnehmen, musste aufgrund seines Aufenthaltsstatus für die Reise an internationale Anlässe aber stets eine Sonderbewilligung beantragen. Der damit verbundene Aufwand demotivierte ihn und führte dazu, dass er den wettkampfmässigen Sport aufgab.
Nach seinem 18. Geburtstag wurde «Austin» in eine Aufnahmeklasse eingeschult. Dort ging es primär darum, die Landessprache zu erlernen, aber auch Mathematik, Sport und Schweizer Geographie und Geschichte waren Teil des Lehrplans. Dabei wurden mehrere fremdsprachige Jugendliche und junge Erwachsene gemeinsam unterrichtet. Nach einem Jahr konnte «Austin» in ein rein schulisches, auf berufliche Integration ausgerichtetes Angebot wechseln. «Austin» empfand dieses Angebot mehr oder weniger als Wiederholung des ersten Jahres der Aufnahmeklasse. In dieser Zeit wurde er in der Schweiz vorläufig aufgenommen und erhielt einen Ausweis F.
Ziel des erwähnten Brückenangebotes sei es gewesen, eine Arbeit, Vor- oder Berufslehre zu finden. «Austin» gibt an, diesbezüglich Unterstützung seiner Lehrpersonen erhalten zu haben. Es störte ihn aber, dass es nur ein Ziel gab und seine eigenen Wünsche und Ambitionen als unrealistisch und nicht in den vorgezeichneten Weg passend abgetan wurden. Nach Abschluss des Brückenangebots begann er eine Vorlehre. Während einem Jahr arbeitete er jeweils drei Tage und besuchte an zwei Tagen pro Woche die Schule. Nachdem er dank der Hilfe einer Freundin in einem anderen Betrieb schnuppern konnte, bewarb er sich für eine Berufslehre und konnte diese im Sommer 2019 beginnen.
Die Berufslehre stellt für «Austin» eine Notwendigkeit dar, um eine gewisse Selbstständigkeit zu erreichen. Bereits heute ist er – dank seinem Lohn und zusätzlicher, privater Unterstützung – nicht mehr auf Sozialhilfe angewiesen. Er wollte dies unbedingt, um von der öffentlichen Hand unabhängig zu werden und eine Aufenthaltsbewilligung beantragen zu können. Seine berufliche Zukunft sieht er hingegen nicht im Beruf, den er derzeit erlernt.
Nachdem «Austin» den Kontakt zu seinem Bruder auf der Flucht verloren hatte, konnte er diesen Jahre später wieder kontaktieren und wollte ihn in einem Transitland besuchen. Aufgrund seines Aufenthaltsstatus – zuerst als Asylsuchender, später als vorläufig Aufgenommener (F) – war und ist dies aber nicht möglich und «Austin» konnte seinen Bruder bis heute noch nicht wiedersehen.
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Quellen: Gespräch